Nicht jeder Erbe benötigt einen Erbschein

Nicht jeder Erbe benötigt einen Erbschein

Die Nachricht kam plötzlich und unerwartet: Ein naher Angehöriger ist gestorben. Wie geht es jetzt weiter? Wer ist unmittelbar vom Tod betroffen? Wer erbt? Gibt es ein Testament? Was passiert mit der Immobilie des Verstorbenen? Wird ein Erbschein benötigt?

Banken oder Behörden wollen von Erben häufig einen Erbschein als Nachweis sehen. Bevor die Erben jedoch aktiv werden und einen Erbschein beantragen, sollten sie prüfen, ob sie überhaupt einen Erbschein benötigen: Gibt es ein öffentliches oder privates bzw. eigenhändiges Testament und ein gerichtliches Eröffnungsprotokoll, brauchen sie in vielen Fällen keinen Erbschein. Auch eine Konto- oder Vorsorgevollmacht macht einen Erbschein oft überflüssig.

Sorgen Sie vor

Wer zu Lebzeiten eine rechtssichere Abwicklung seiner Erbschaftsangelegenheiten sucht, sollte sich von einem Notar beraten und ein Testament erstellen lassen. Das gilt insbesondere für Menschen, die viel (speziell Immobilien) zu vererben haben oder die in einer besonderen familiären Situation leben. Allerdings kostet ein Notar Geld. Die Notargebühr richtet sich nach dem Wert des Erbes. Planen Sie bei einem Vermögen von 500.000 Euro ca. 1.000 Euro ein. Eine Investition, die sich jedoch oftmals lohnt. Denn das Testament kann den Erbschein ersetzen und den Erben später Gerichtsgebühren ersparen.

Wer kein Testament beim Notar errichten lassen möchte, der kann ein eigenhändiges Testament erstellen. Es ist allerdings nur wirksam, wenn der Erblasser es handschriftlich verfasst, Datum und Ort angibt und persönlich mit vollem Namen unterschreibt. Wichtig ist außerdem, dass die Erben das Testament auch finden. Legen Sie hierfür zum Beispiel einen gut auffindbaren Vorsorgeordner an. Oder Sie hinterlegen für rund 75 Euro eine Verfügung beim Amtsgericht.

Auch die Ausstellung einer Kontovollmacht kann empfehlenswert sein. Denn wer zu Lebzeiten vom Verstorbenen eine Kontovollmacht über den Tod hinaus bekommen hat, erhält auch ohne Erbschein Zugriff auf die Konten. Ansonsten fordern Banken häufig einen Erbschein, damit über die Konten des Verstorbenen verfügt werden kann.

Wenn es kein Testament gibt

Hat ein Erblasser kein Testament aufgesetzt und auch keinen Erbvertrag abgeschlossen, dann greift beim Tod die gesetzliche Erbfolge.

Die Verwandten erben nach Gesetz entsprechend ihrem Verwandtschaftsgrad:

  • Verwandte 1. Ordnung: Kinder und Enkel
  • Verwandte 2. Ordnung: Eltern und Geschwister
  • Verwandte 3. Ordnung: Großeltern, Onkel und Tanten.

Solange ein Verwandter der ersten Ordnung zu finden ist, kommen Verwandte der 2. Ordnung nicht als Erbe infrage. Gleiches gilt für weiter entfernte Verwandte. Lebt ein Kind oder ein Elternteil noch, sind deren Nachkommen von der Erbschaft ausgeschlossen. Ist ein an sich Erbberechtigter weggefallen, treten seine Kinder an seine Stelle (Eintrittsrecht).

Nach gesetzlichem Erbrecht des Ehegatten oder Lebenspartners erbt der überlebende Partner neben den Kindern immer ein Viertel des Nachlasses – auch wenn nur ein Kind vorhanden ist. Sind außer ihm nur Verwandte der zweiten Ordnung aufzufinden, erbt der überlebende Ehegatte die Hälfte. Meistens ist eine Ehe eine Zugewinngemeinschaft. Dann erhöht sich der Erbteil des Ehegatten um ein Viertel, sodass er die Hälfte erbt, die nicht den Kindern zufällt.

Was ist ein Erbschein?

Liegt kein Testament vor, müssen Erben ihr Erbrecht in vielen Situationen anders ausweisen, zum Beispiel über einen Erbschein. Der Erbschein ist ein vom Nachlassgericht ausgestellter Ausweis darüber, wer Erbe ist und wie groß der Erbteil ist. Das Nachlassgericht stellt einen Erbschein nur aus, wenn dieser beantragt wird.

Achtung: Mit dem Antrag nimmt der Antragsteller die Erbschaft an und übernimmt auch etwaige Schulden. Er kann das Erbe nicht mehr ausschlagen.

Wer braucht einen Erbschein?

Nicht immer ist die Vorlage eines Erbscheins zwingend erforderlich. Wenn ein eindeutiges notarielles Testament oder ein notarieller Erbvertrag des Verstorbenen existieren, reicht es Banken in den meisten Fällen aus, wenn ihnen das Testament bzw. den Erbvertrag (sowie Eröffnungsprotokoll) vorgelegt werden. Auch Grundbesitz des Erblassers kann in diesem Fall vom Grundbuchamt ohne einen Erbschein auf den bzw. die Erben umgeschrieben werden. Gibt es jedoch nur ein privates Testament oder gar keins, sollten sich Erben darauf einstellen, dass Banken, Ämter etc. die Vorlage eines Erbscheins fordern.

So beantragen Sie einen Erbschein

Das Nachlassgericht erstellt einen Erbschein nur, wenn die Erben ihn beantragen. Zuständig ist das Amtsgericht am letzten Wohnsitz des Verstobenen. Der Antrag kann schriftlich eingereicht werden, oder die Erben gehen direkt beim Gericht vorbei und erklären den Antrag mündlich, über den dann ein Protokoll erstellt wird. Erben können sich auch an einen Notar wenden, der (kostenpflichtig) alles Weitere veranlasst. Der Antrag muss konkret diejenigen benennen, die entweder aufgrund von gesetzlicher Erbfolge oder durch ein Testament oder Erbvertrag Erben werden und in welchem Verhältnis sie zueinander erben. Wenn mehrere Personen gemeinsam erben, müssen sie nicht gemeinsam einen Antrag stellen – antragsberechtigt ist jeder Erbe.

Im Erbschein steht schließlich, wer Erbe ist und wie groß dessen Erbteil ist. Gibt es nur einen Erben, dann wird ein Alleinerbschein ausgestellt. Gibt es mehrere Erben, werden alle Mitglieder der Erbengemeinschaft aufgeführt. Dann spricht man von einem gemeinschaftlichen Erbschein.

Checkliste für die Beantragung eines Erbscheins

Folgende Dokumente und Informationen benötigen Sie bei der Beantragung eines Erbscheins:

  • Ausweis oder Reisepass
  • Sterbeurkunde
  • Familienstammbuch, um das Verwandtschaftsverhältnis zu dokumentieren
  • Informationen, ob es einen Prozess über Ihr Erbrecht gibt
  • Namen und Anschriften der Miterben sowie der lebenden oder verstorbenen Verwandten des Erblassers, auch wenn sie von der Erbfolge ausgeschlossen sind
  • Falls vorhanden: Testamente oder Erbverträge bzw. Verwahrstellen dieser Dokumente
  • Bei Eheleuten: der Güterstand beziehungsweise bei eingetragenen Lebenspartnern der Vermögensstand

Wichtig: Verschweigen Sie niemals ein vorliegendes Testament oder eine aktualisierte Testaments-Fassung. Sie würden sich dadurch strafbar machen.

Wenn Sie eine Immobilie erben

Im Erbfall einer Immobilie ist das Grundbuch zu ändern. Der Antrag auf Grundbuchberichtigung ist deutschlandweit bei dem Amtsgericht zu stellen, in dessen Bezirk die Immobilie liegt (Ausnahme: Baden-Württemberg. Hier sind für die Führung des Grundbuches nicht die Amtsgerichte, sondern die in jeder Gemeinde eingerichteten Grundbuchämter zuständig). Für die Umschreibung ist kein Notar notwendig. Der Umschreibungsantrag kann direkt beim Grundbuchamt angebracht werden. Mit einem Antrag auf Grundbuchberichtigung ist dem Grundbuchamt die Erbfolge nachzuweisen. Dies geschieht in vielen Fällen durch die Vorlage eines Erbscheins. Alternativ zu einem – kostenpflichtigen – Erbschein kommt die Vorlage eines notariellen Testaments oder Erbvertrags, aus dem sich die Rechtsnachfolge ergibt, mitsamt Niederschrift über die Eröffnung des letzten Willens in Betracht. Das Grundbuchamt wird (und darf) jedoch auch bei Vorlage eines notariellen Testaments samt Eröffnungsniederschrift auf der Vorlage eines Erbscheins bestehen, wenn sich die Erbfolge aus dem Testament nicht mit hinreichender Sicherheit ergibt.